Die Kolumne der Fachstelle für Suchtprävention in der Pandemie-Zeit haben wir etwas augenzwinkernd nach dem spanischen Wort für „Krönung“ benannt. Sie erscheint einmal pro Woche. Alltagsbeobachtungen vermengen sich darin mit Nachdenken und Informativem. Lassen Sie sich diese Mischung gut schmecken.

 

 

Veränderte Zeiten sind das, in denen wir leben. Bei all der zurückkehrenden Normalität.

Vermummt in eine Bank zu gehen, wer hätte sich das einmal als Verpflichtung vorstellen können. Ich muss zugeben, noch immer fühle ich mich dabei etwas bedenklich an.

Früher gab es diese Redeweise, etwas sei so egal, wie wenn „in China ein Sack Reis umfalle“. Das drückte tiefste Belanglosigkeit aus. Ich stelle mir vor, dass sich das jetzt nicht mehr so leichtfertig sagen lässt.

Manche Wörter erfahren einen tiefen Bedeutungswandel. „Ischgl“ war immer sozusagen „der Ballermann“ in den Alpen. Ein ausgelassener und feierfreudiger Ort. Und jetzt? Ischgl hat einen Makel bekommen. Das Image „Corona-Schleuder“ wurde ihm angeheftet. Mehr Sodom und Gomorrha als Soda und Gin.

 

Wie ist diese „Umwertung“ passiert.

Mit der Pandemie gab es einen neuen Bezugspunkt, von dem aus Bewertungen vorgenommen wurden. Die Leitfrage für Bewertungen scheint mir nun zu sein: „Wie können wir in der Gefahr die entglittene Kontrolle wiedergewinnen?“ Das legitimierte die Maske in der Bank und beförderte die Kritik an der Feierkultur und ihren Szene-Orten.

 

Das Thema Kontrolle ist für die Suchtprävention ein ganz hervorragendes Thema. Weil wir darüber nachdenken und unsere Handlungskonzepte darauf gründen. Für das ganze Menschsein ist Kontrolle wohl ein hochambivalentes Thema:

Kontrolle gibt Sicherheit. Kontrolle wahrt die Ordnung. Kontrolle schützt. Kontrolle ist Beherrschung. Und hier fängt es an, spannend zu werden. Kontrolle ist auch Enge. Kontrolle nimmt Freiheit. Kontrolle wird gesucht und gebraucht (zur Not über den Umweg des Ansammelns von Toilettenpapier) und bereitwillig im rauschhaften Erleben aufgegeben. Das ist, als ob Menschsein auch bedeute, eine zeitweilige Befreiung von sich selbst zu suchen und im Rausch ein anderer sein zu können - eine weniger kontrollierte Version des eigenen Selbst.

Alkohol ist hier ein von unserer Gesellschaft bereitgestelltes und oft genutztes Vehikel und ermöglicht ein alkoholgetränktes Selbstvergessen.

 

Es ist jetzt fast einhundert Jahre her, das Freud in seiner Schrift „Das Ich und das Es“ ein Modell des seelischen Apparates entworfen hat mit einer noch immer plausiblen Klarheit. Frisch abgestaubt liest es sich so, dass das Ich zwischen dem Gewissen (das ist der Ort, von dem überwiegend die Kontrolle ausgeht) und dem Es (das ist der Ort, von dem aus in unserem Beispiel der Wunsch nach rauschhaftem Kontrollverlust andrängt) steht und immer wieder aufs Neue einen Ausgleich herstellen muss.

 

Anfang Juni ist ein Fotoband mit dem Titel „Ischgl“ (Lois Hechenblaikner, Steidl Verlag) herausgekommen und wurde in den Feuilletons jeweils mit einem Interview des Autors vorgestellt. Der Autor ist heimatliebend und tourismuskritisch. Er hat die in dem Wintersportort angezündete deutsche Seele in Bild und Wort vermessen. Die Sprache ist messerscharf, so zum Sezieren geeignet. Ich lass die jetzt mal los - von der Leine gewissermaßen - ,diese Sprache:

 

„Schon als Kind fiel mir auf, dass viele Deutsche so eine gewisse Eingesperrtheit haben. Etwas Gehemmtes. Das haben unsere Bergbauern instinktiv kapiert: So ein deutscher Tourist braucht einen Anschubser, damit er loslässt. Den Deutschen musst du einstellen zwischen 0,5 und einem Promill … und dann kannst du ihn abmelken.“

„ … die meisten Wirte haben einen bäuerlichen Hintergrund. Das heißt, sie haben einen Instinkt fürs Tier. Und der Instinkt des Viehhändlers ist das Rezept für Apres-Ski.“

„40 Prozent der Leute sind ja heute geschieden. Die meisten sind aber noch voll im Saft und wollen einen guten Secondhand-Durchgang erleben. Ischgl hat sich als alpintouristische Hoffnungsstätte für den hormonellen Haushalt etabliert. Der ganze Ort ist so kalibriert, dass einem suggeriert wird: Lass die Sau raus.“*

 

Freud hat das einmal dezenter sinngemäß so benannt, dass das Gewissen (Über-Ich) im Alkohol gelöst werde.

 

Vielleicht stehen wir ja alle mit unserem Ich zwischen ischglartiger Entfesselung und maskenartiger Kontrolle. Mit beidem muss unser Ich eine Berührung haben, um sich auf einen selbstverwirklichenden Freiraum gründen zu können. Und es muss sich Platz verschaffen. Für die Vernunft. Für Verstehen und Abwägen und Bewerten.

 

Was denken Sie darüber?

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*Zitate entnommen aus: Süddeutsche Zeitung Nr. 106/2020, Seite 11 und Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Nr. 22/2020, Seite 52

 

Fachstelle für Suchtprävention 


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