Die Kolumne der Fachstelle für Suchtprävention in der Pandemie-Zeit haben wir etwas augenzwinkernd nach dem spanischen Wort für „Krönung“ benannt. Sie erscheint einmal pro Woche. Alltagsbeobachtungen vermengen sich darin mit Nachdenken und Informativem. Lassen Sie sich diese Mischung gut schmecken.

 

 

Ich habe mich jetzt mit meinen Kolleginnen unterhalten und gemerkt, ich muss mich einfach mehr öffnen. Und lockerer werden.

 

Wie ich darauf komme?

Die einmal so benannte „Öffnungsdiskussionsorgie“ – erinnert sich noch jemand an die Zeit und die Zustände, als dieses Wort von der Kanzlerin in die Welt gebracht wurde? – war ja sehr erfolgreich. Erfolgreicher als die Macht des Coronavirus, auf Dauer Angst einzujagen. Geöffnet und gelockert wurde allerorten. Locker die Friseure, das Eis in der Waffel, das Shoppen und das Zanderfilet aus Wildfang im Restaurant. Und „allerorten“ umfasst jetzt auch wieder Urlaube, Strände, wohl auch die der Mittelmeerländer.

 

Soll ich jetzt so einen kleinen Wanderurlaub auf dem Weinsteig bei Deidesheim (Deidesheim ist der saumagenberühmte Ort Helmut Kohls. Da traf er sich schon mal mit anderen Staatenlenkern zum sternedekorierten Schmausen.) probieren?

Das frage ich mich. Eigentlich ist das keine Frage. Aber eben jetzt.

Ich muss richtig überlegen. Nicht jetzt wegen Helmut Kohl. Nicht wegen dem Saumagen. Wegen was anderem. Halb gelockert war ich ja schon. Kartenmaterial besorgt, wandertauglicher 1:25 000er Maßstab, Etappen eingeteilt. Aber irgendwie ist das doch ein Schritt, nicht so der ganz leichte und selbstverständliche. In den letzten Wochen hatte ich aus unserem Home eine Art Castle gemacht und das öffentliche Leben vor dem Burgfried gelassen. Hat sich ja bewährt. Gesund geblieben. Ich merke jetzt, das öffentliche Leben hat mich die ganze Zeit belagert. Soll ich da hineingehen, in die corona-technisch vierfünftel befriedete Welt? Diese Welt ist inzwischen von jeder Menge Typen der Sorte Bruder Leichtsinn bevölkert, die vielleicht nur besonders gut im Vergessen sind und den Gegenwartsmoment über das Erinnern stellen. Wahrscheinlich bin ich Bruder Vorsicht und habe noch einen Vorrat der schlimmen Italienbilder aufbewahrt. Das Virus glimmt noch, es gibt Glutnester (die heißen heute Hotspots) und manche Zeitgenossen haben ihr Leben schon wieder auf Durchzug umgestellt. Und Durchzug entfacht.

 

Die „neue“ Normalität will noch nicht so ganz die meinige werden. Warum muss ich so herumüberlegen? Über das sonst Selbstverständliche so gründlich nachdenken? Was ist das Fremde im eigentlich Altvertrauten?

 

Vielleicht durchlebe ich ja eine Wiederannäherungskrise?

Dieses schöne Wort hat vor zahlreichen Jahren Margret Mahler erfunden. Es stammt aus der Zeit, als die psychoanalytische Entwicklungslehre nicht mehr nur aus der Behandlung Erwachsener rekonstruiert, sondern auch mit empirischen Beobachtungen fundiert wurde. Das Wort beschreibt eine „Modellvorstellung von Entwicklung“, die nicht immer „laut“ sichtbar wird, manchmal wirkt sie mehr im Hintergrund. Gemeint ist eine vom kleinen Kind empfundene Unmöglichkeit. Es muss eine Zumutung durchleben und ertragen.

Der ganze hochgestimmte Stolz über die mit dem Laufen verbundene Welteroberung weicht noch vor Mitte des zweiten Jahres einer mehr quengeligen Unzufriedenheit. Was ist los? Das kleine Kind merkt etwas. Obwohl so viel Neues erstmalig gelungen ist, kann es jetzt gleichzeitig auch die eigene Begrenztheit erfassen. Die sich verbessernden kognitiven Fähigkeiten sagen ihm das. Es merkt, wie sehr es noch die Eltern braucht, Mutter und Vater. Es spürt den Boden der Tatsachen. Und der ist unnachgiebig, desillusionierend. Aber trotz der ganzen Errungenschaften wieder so klein wir vormals zu sein? – das geht auch nicht. Deswegen ist die Welt blöd und Mutter und Vater sowieso. Und hier geht für das Kind der Ärger erst richtig los. Wenn ich wütend auf die beiden bin, dann macht meine Wut aus diesen beiden etwas anderes, doofe Eltern sind das – ich brauche aber gute Eltern, um aus dieser Klemme heraus zu kommen. Und das ist das, was Eltern schaffen müssen: auf eine verzeihende Art gut (und ehrlich) zu bleiben, obwohl das Kind gerade so unmöglich anstrengend ist. Nicht leicht. Aber nur dann kann das Kind seine Wut „am Objekt“ (d.h. den Eltern) integrieren und negative mit positiven Affekten zu einem Bild zusammenfügen.

 

Hab´ ich mir jetzt gerade so etwas eingefangen? Eine späte Version der Wiederannäherungskrise?

Ich will mich ja auch „wieder annähern“. Aber an keine Eltern, sondern an das frühere Draußen. Ich gebe auch keine „Welteroberung“ auf wie das kleine Kind, sondern einen sicherheitsspendenden Rückzugsort. Aber unleidig bin ich doch. Habe auch eine Ambivalenz, die zwischen Wunsch nach unbeschwerte Lebensfreiheit und Virus-Bedenken. Das Kind konnte sein quengeliges Unzufrieden-sein an den Eltern auslassen. Ich stelle mir gerade vor, dass das auch schön entlastend sein kann. Würde ich ja auch machen. Geht ja ausgesprochen gut mit Verschwörungstheorien. Aber ich glaube, ich muss es selber ausbaden.

 

Ich lass mir jetzt das Wasser ein.

 

In Deidesheim.

 

 

Haben sie auch Umstellungsschwierigkeiten mit der Wiedereröffnung unserer früheren Lebensvollzüge?

 

Schreiben Sie mir?

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P.S.  „Indirekte“ Autorin dieser Kolumne ist meine liebe Kollegin Marianne, deren psychologische Reflektionsfähigkeit mit in den Text eingeflossen ist. Ja, die Gespräche „zwischendrin“ sind so ergiebig wie nützlich. Und gehen wohl nur im Office, ohne Home.

Fachstelle für Suchtprävention 


Beratungsstelle des Schwalm-Eder-Kreises

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