Ich arbeite in einer Behörde. Von der Architektur her ein bisschen einfallslos. Sie wissen schon, lange Flure, ein Fenster am Ende, links und rechts Türen für die Büros. Den Flur beschreitet man dann und wann und manchmal beschlurft man ihn auch. Man muss zum Kopierer, zur Toilette, Kaffee kochen – all diese Highlights der Behördenwelt eben. Manchmal begegnet man und frau sich auch im Flur. Kollegen und Kolleginnen. Man freut sich. Das bringt Abwechslung, einen Scherz, oder auch was Sachliches. So war es immer.

 

Mit der Coronazeit hat sich da etwas verändert. Ich kriege so Einspieler, so Gedanken-Einspieler. Wissen Sie was ich meine?

 

Das geht in etwa so: ich gehe den Flur entlang. Bin noch ganz oben. Unten kommt jemand. Ich habe die Sonne im Rücken. Taktisch ein Vorteil. High Noon. Kennt noch jemand Gary Cooper? Als Will Kane im Duell gegen Frank Miller. 12 Uhr mittags. Solche Gedanken bekomme ich jetzt eingespielt. Dieser alte Westernschinken aus den 50ern ist voll up to date. Mental jedenfalls. Bei mir jedenfalls.

 

Was passiert da?

 

Ja, die Begegnungen im Flur sind jetzt schon wirklich anders. Kollegen halten sich beim Vorbeischreiten Aktendeckel vor das Gesicht, Kolleginnen schrecken in ihr Büro zurück, es gibt ein an-der-Wand-vorbei-drücken, eine Fluchtbewegung, wenn plötzlich schon jemand im Kopierraum ist. Es geschieht ein allgemeines Abwenden.

 

Corona hat uns verändert und tut es noch. Corona lässt uns im anderen die Gefahr sehen. Corona beinhaltet für jeden auch eine Unterstellung. Unterstellt wird eine Gefahr. Wechselseitig.

Will Kane hatte sein Schießeisen, seine Schnelligkeit und einen klaren Gegner. Und ein Drehbuch.

Das wird bei uns erst noch geschrieben. Wir schreiben mit. Und das Ende steht auch noch nicht fest. Auch an dem sind wir beteiligt.

 

Von einer bekannten Familie habe ich jetzt gehört, dass ihre Tochter Angst habe. Grundschulalter. Die Angst ist, sie könnte ihre Mutter umbringen. Ungeheuerlich. Jetzt nicht so in Tatortmanier, aber anders. Mit dem Virus. Mit Corona. Sie könnte den Virus haben und die Mama anstecken. Und dann haben wir den Salat, also das Unglück.

 

Mit dieser Angst des Kindes müssen Mutter und Vater jetzt was machen. Genauso wie Mitarbeiter*innen in Behörden und alle anderen auch.

 

Die Angst des Kindes muss einen Platz finden, in dem sie aufgehoben ist. Diesen Platz halten die Eltern bereit. Wenn es gut geht. Und wenn ihnen die eigene Angst genug Raum lässt. Aufgabe der Eltern ist es, die Sorge der Kinder zu umfangen und zu verwandeln. Eltern beruhigen und sagen, was jetzt wichtig ist, um sich und andere zu schützen. Und dass sie darauf aufpassen.

 

Eltern verwandeln die „rohe“ Angst des Kindes in etwas „Verdautes“. Der britische Psychoanalytiker Wilfred R. Bion dazu das Konzept des „containing“ entworfen. Die Eltern fungieren wie eine Art Behälter für all die Sorgen und Ängste der Kinder, heben diese stellvertretend auf und geben ihnen eine andere, beruhigte Gestalt.

 

Das ist die Herausforderung, die Corona uns allen stellt.

 

Politik war längere Zeit ein Versuch des Containing, ebenso wie die Presseberichterstattung und die zahlreichen thematischen Talkshows.

 

Das Containing braucht die Sprache und passiert mit Reden. Nicht nur, aber hauptsächlich.

 

Ich glaube, das werde ich irgendwann Will Kane stecken.

 

Was sagen Sie dazu? - Schreiben Sie mir.

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Ich habe einen sehr schönen Beruf. Manchmal aber würde ich auch gern etwas anderes machen. Neulich ging es mir so, als gegen Abend die Nachrichten der Corona-Welt in unser Wohnzimmer hineingeisterten. Da dachte ich, ich würde gerne Eignungstests konzipieren. Für Personal. Also einen Test, mit dem man schon vorher ahnen kann, was nachher rauskommt, bzw. schief geht. Der Test sollte natürlich auch die heutigen Schlüsselkompetenzen Kommunikation und Kreativität abfragen.

Eine Aufgabe dazu hätte ich schon fertig. Wollen Sie mal lesen?

Anleitung zur Aufgabe:

„Stellen Sie sich vor, sie sind berühmt und mächtig. Und wollen von beidem noch mehr haben.
Sie gehen jetzt gleich zu einer Pressekonferenz. Kombinieren Sie die folgenden Wörter zu einer Botschaft.
Eine Botschaft, die kühn ist und beeindruckt. Die mit zweifelsfreiem Menschenverstand Probleme löst.
Mit der sie sich in das Gedächtnis aller einschreiben werden.
Ihr Licht soll glänzen (und nicht wissen was ein Scheffel ist).

Die Wörter lauten: Virus – töten – Erkrankte – Desinfektionsmittel – injizieren.

Sie haben 10 Minuten Zeit.“

Diesen Test habe ich mit einigen Mitarbeiter*innen der Beratungsstelle gemacht. Die haben sich zwar etwas angestellt, fanden das mit „berühmt“, „mächtig“ und „Licht glänzen“ etwas narzisstisch-selbstverliebt, aber es ging dann doch. Witzig waren die Geschichten, schlau und kreativ. Wir hatten auch etwas zu lachen. Damit kann ich Ihnen schon mal versichern, Sie sind in der Beratungsstelle immer in den besten Händen.

Hinzufügen muss ich aber auch, dass niemand hier Präsidentenqualitäten hat. Niemand ist auf die Idee gekommen, (Achtung, die nachfolgende Textpassage ist nicht kindersicher) Desinfektionsmittel per Spritze in den menschlichen Organismus hinein zu verfrachten. Ist, glaube ich, auch besser so. Also hier kriegen Sie immer eine wohlüberlegte und bekömmliche Behandlung. Ist jetzt nachgewiesen und per Testverfahren verifiziert.

 

PS. Alles klar mit dem, worauf der Text anspielt?

Ich nehme auch gern Vorschläge darüber entgegen, wen man mal testen sollte.

Vielleicht wollen Sie auch eine eigene Testaufgabe beisteuern.

Schreiben Sie mir!

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Eine Anmerkung in eigener Sache. Es gab sehr schöne Mails als Reaktion auf die erste Ausgabe der Kolumne. So gelungen, dass es sich lohnt diese zu veröffentlichen. Wenn Sie damit einverstanden sind, schreiben Sei das bitte mit dazu. Gern können wir auch über einen Gastbeitrag verhandeln. Würde mich freuen.

Ich war jetzt in einer Parfümerie. Absichtlich. Eigentlich passiert mir das nicht. Wegen Rasierwasser. Normalerweise erledige ich das im Supermarkt. Aber jetzt eben Parfümerie. „Jetzt eben“, das ist die Zeit der ersten Lockerung in der Coronakrise. Kleinere Geschäfte dürfen wieder öffnen. Das Rasierwasser hier edel, allein die Namen bringen mich unmittelbar nach Paris und Mailand, kostspielig das Ganze, natürlich – und mich selbst überraschend kaufe ich das auch noch.

Und das ist ja nicht alles.

Ein Gedanke befällt mich in letzter Zeit. Der Gedanke sagt, Junge, du brauchst ein Gravelbike. So ein schickes Ding. Halb Renner, halb Mountainbike. Flott eben. Welches nehmen? Merida Silex, Canyon Grail, oder doch das Inissio Gravel von Simplon gar? Der Gedanke ist schon knapp vor einer Obsession.

Was ist da los?

Bevor ich jetzt ruinöse Handlungen begehe, habe ich lieber angefangen nachzudenken.
 

Haben Sie schon einmal von dem lipstick-Index gehört?

Nein?

Also: lipstick ist das englische Wort für Lippenstift. Mit lipstick-Index wird etwas beschrieben, das nach 09/11 aufgefallen ist. Nach dem Anschlag auf die Twin-Towers in New York 2001 ist auf dem amerikanischen Markt der Verkauf von Lippenstiften sprunghaft angestiegen. Lippenstift-Kaufen ist so etwas wie eine Antwort, auf dieses katastrophale Ereignis in Amerika.

Warum? Wie kann man sich hier einen Zusammenhang vorstellen? Dort Schutt und Asche und hier eine verbesserte Außenrepräsentation? Chic statt Schutt?

Ich vermute einmal, mit dem Lippenstift zieht man sich - angesichts einer überwältigenden Ohnmachtserfahrung - auf das mit dem eigenen Selbst machbare zurück. Lippenstift geht immer und das entscheide ich ganz allein.
Nun, 09/11 liegt knapp 19 Jahre zurück. Wir haben jetzt 2020. Und wir haben Corona. Auch ein Desaster. Wie Amerika damals reagierte wissen wir jetzt. Was macht Deutschland? Das wissen wir auch. Deutschland kauft Toilettenpapier, vorzugsweise. Okay, Bevorratung macht in Krisenzeiten Sinn. Aber wir haben eine Gesundheitskrise, keine Versorgungskrise. Und das mit dem Toilettenpapier ist schon besonders deutsch. Das machen unsere europäischen Nachbarn anders.

Ich sehe ihn schon vor mir, den neuen Begriff, der die Diskussion in den Sozialwissenschaften beherrschen wird, wenn es im Rückblick um diese Coronazeit geht: „teutonic-toilet-paper-Index“, kurz ttpi.

Und in leicht veränderter Form hat der mich wohl auch erwischt, mehr so als „after-shave-index“ oder „gravelbike-index“.

Haben Sie auch irgendeinen Index? Oder wissen Sie, wofür der gut ist?

Schreiben Sie mir!

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