Lockdown, Mediennutzung und die Kampagne FAMILIE/FREUNDE/FOLLOWER

(Mit dem Tip der Woche erhalten Sie Informationen, die von der persönlichen Meinung des Schreibenden gestaltet werden.)

„Seit Corona kriege ich meinen gar nicht mehr vom PC weg, der kommt gar nicht mehr aus dem Zimmer und dann die Noten jetzt nach den ersten Arbeiten vor den Herbstferien, also wirklich, Katastrophe … ich weiß echt nicht was ich da machen soll!“

„Ich höre den ganzen Tag nur noch TikTok von meiner, da wird man doch bekloppt von und ich kenn mich mit dem ganzen Kram auch überhaupt nicht aus. TikTok. Seit Corona nur noch TikTok. Ich glaube die tickt und tockt nicht mehr richtig.“

Es unterhalten sich hier zwei Mütter über ihre Kinder.

„Meiner“ ist ein 16 jähriger Jugendlicher mit einem ziemlich hohen Level als Gamer und einem ziemlich niedrigen Level in der Schule. Im Gegensatz zu seiner Mutter besteht für ihn das Problem eher darin, dass man die Schule und die ganzen Fächer einfach nicht „gamen“ kann, sondern verstehen und (er)lernen muss.

„Meine“ ist eine 12jährige Jugendliche, die gerade ihre ersten Follower bei Tik-Tok einsammelt, was für sie einfach mehr Wert ist als jede Note. Im Moment jedenfalls. Und ganz bestimmt für das jugendliche Selbstbewusstsein.

Corona ist mit dem verhängten Lockdown in den ersten Wochen auf eine Jugend in unserem Land getroffen, deren Lebenswelt sich in weiten Bereichen digitalisiert abspielt. Die Kontaktbeschränkungen der Pandemie brachte für alle davon Betroffenen zunächst einmal die Frage mit sich, wie diese viele Zeit im Rahmen der eigenen Familie und ihrer Begrenztheit zu überstehen ist. Für viele Kinder und Jugendliche wurde Gaming und soziale Medien zu einer Art Überlebenshilfe, die – wie man jetzt weiß – reale Kontakte und wirkliche Beziehungssituationen bestenfalls nachahmen, aber nicht wirklich ersetzen konnte.

Hat diese Form der (seelischen) Überlebenshilfe ein Risiko?

Dieser Frage ist jetzt eine Studie des Deutschen Zentrums für Suchtfragen im Kindes- und Jugendalter und der DAK nachgegangen. 1200 Familien mit Kindern im Alter von 10 bis 17 Jahren wurden befragt.

Während des Corona Lockdowns sind die Nutzungszeiten beim Gaming von 79 auf 139 Minuten täglich (+ 75%) angestiegen. Ähnlich haben sich die Zeiten für die Nutzung sozialer Medien von 116 auf 193 Minuten am Tag (+ 66%) vermehrt.

Mit welchen Worten erklären die befragten Kinder und Jugendlichen ihren zunehmenden Aufenthalt im Internet?

„Sorgen vergessen“, „Stress abbauen“ und „Realität nervt“ – immerhin jeder Dritte antwortet mit diesen Begründungen. Raus aus der Realität und rein ins virtuelle Vergnügen, könnte man salopp formulieren. Dahinter steht, dass das Internet zur Regulierung von Spannungen verwendet wird, die an der Schnittstelle zwischen Realitätsanforderungen und der eigenen Persönlichkeit entstehen.

Ist das bedenklich?

Ja, schon. Das Internet bekommt damit eine Funktion im seelischen Haushalt und bereitet einer Gewohnheitsbildung und Suchtentwicklung den Boden. „Fast 700 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland weisen nach den neuen ICD 10-Kriterien der WHO einen riskanten oder pathologischen Medienkonsum auf“ (Deutsches Ärzteblatt, Heft 8 2020, S. 337).

Das Tun der Einen beruht auf dem Nichtwissen der Anderen.

Ca. 80% der Eltern wissen nicht, womit sich ihre Kinder im Netz beschäftigen und bei ca. 50% der Familien gab es vor und während des Lockdowns keine zeitliche Begrenzung des Medienkonsums.

Die jetzt gestartet Kampagne FAMILIE.FREUNDE.FOLLOWER der Drogenbeauftragten Daniela Ludwig (MdB) zielt genau auf diesen Sachverhalt und will die Eltern in ihrer Verantwortung stärken und Kindern und Jugendlichen Hilfestellung geben.

Bei Eingabe www.drogenbeauftragte.de gelangt man direkt auf die Titelseite der Kampagne, die mit drei Plakaten (Zeit für die Familie? – Essenszeit ist bildschirmfrei! / Echte Freunde? – Das Leben auch offline entdecken! / Vorbild? – Kinder schauen sich Ihre Gewohnheiten ab!) den Rahmen für „weitere Informationen“ absteckt.

Und hier fängt die Kampagne an, sich zu lohnen. Das heißt, das Stöbern bringt jede Menge Anregungen, Ratschläge, Empfehlungen und Informationen zu Tage. Gerade auch solche, von denen man vorher noch gar nicht ahnte, dass es sie gibt und wie nützlich sie sind.

Wir wissen, stöbern braucht Zeit, aber das ist hier gut investierte Zeit.

Unter dem Informationsangebot der Bundeszentrale für gesundheitlich Aufklärung (BZgA) führt der link www.ins-netz-gehen.de/ zu jeder Menge Informationen, aber auch zu Tipps für Kinder-, Jugendliche u. Familien (z.B. 1. Macht eine Fotochallenge in der Natur. Unternehmt einen Spaziergang und macht eine Liste mit Fotoaufgaben – z. B. die schönste Blüte oder ein kleines Tier fotografieren. Kürt anschließend einen Gewinner. 2. Nimm an einer Online-Sportstunde teil. Auf dem YouTube-Kanal des Basketballvereins „Alba Berlin“ findet täglich eine digitale Sportstunde statt. 3. Zeichne ein Portrait oder eine Karikatur deines Haustiers oder von dir selbst. Möchtest du Zeichnen von Grund auf lernen, dann findest du z. B. auf dem YouTube-Kanal der Akademie Ruhr Anleitungen für verschiedene Motive), man kann auch unter dem Zettel „Check dich selbst“ der Frage nachgehen, wann Computer, Smartphone und Internet ein Problem werden und bei „Bleib im Netz“ sagen, was am Internet wichtig und gut ist. 

Die Initiative „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht“ mit dem Link www.schau-hin.info/ richtet sich an Eltern und stellt Informationen zu allen Themen rund um die Medienwelt zur Verfügung (z.B. „Wann ist mein Kind reif für ein Smartphone? / Smartphone ohne Ende? Medienzeiten vereinbaren) und gibt Empfehlungen in Form von Regeln (z.B. Goldene Regeln für Kinder zwischen 7 und 10 Jahren / Goldene Regeln für Kinder zwischen 11 und 13 Jahren) und Videos („Was mache ich, wenn mein Kind immer ON ist“).

Angemerkt sei, dass man hier Orientierungspunkte erhält, die immer auch erst in den eigenen Erziehungsalltag „übersetzt“ werden müssen.

Weitere Informationen bietet auch das Initiativbüro „Gutes Aufwachsen mit Medien“ (www.gutes-aufwachsen-mit-medien.de/), die Empfehlungen der Kinder- u. Jugendärzte, Diakonie und Caritas.

Wir hoffen, Sie finden die Zeit, diese Anregungen auszuprobieren. Manchmal hilft es, sich einfach darauf einzulassen, auch wenn die Alltagsträgheit einen im ersten Moment zögerlich sein lässt. Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen, aber auch Ihre Meinung und Wünsche (Haben Sie zum Beispiel konkretere Fragen oder wäre es gut, weniger Themen vorzustellen, diese aber vertiefend auszuleuchten?).

Wir sind gespannt.

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Quellen: alle Zahlenangaben sind dem Deutschen Ärzteblatt, Ausgabe PP, Heft 8 2020, S. 337 entnommen.


 

 

Der heutige Tip beleuchtet die Auswirkungen von Corona auf die Konsumgewohnheiten der Bevölkerung im Hinblick auf Alkohol und Tabak. 

 

Corona wird inzwischen nicht mehr nur medizinisch beforscht, sondern auch in seinen psychosozialen Auswirkungen auf die Bevölkerung. Das ist notwendig und richtig. Vor einiger Zeit haben wir hier eine Studie zum Thema Jugend vorgestellt. Aktuell ist eine Befragung zum Thema Corona und Alkohol- u. Tabakkonsum veröffentlicht worden.

 

Ist diese Befragung für die Suchtprävention von Interesse?

Ja, unmittelbar würden wir sagen. Moderner Suchtprävention geht es um die Fähigkeiten, das eigene Leben und die ihm zugefügten Belastungen zu bewältigen. Corona ist eine solche Belastung.

 

In der Studie wurde die Belastung u.a. mit den folgenden Fragen erfasst:

- Haben Sie Angst um Ihre Gesundheit oder um die Gesundheit von Personen, die Ihnen nahestehen?

- Fühlen Sie sich durch die Ausgangseinschränkungen gestresst?

Auf einer 11-teiligen Skale zwischen „Nein, überhaupt nicht“ bis „Ja, sehr stark“ konnten die Teilnehmer (Anzahl 2.150) ihre Antwort auswählen.

 

Auf Belastungen gibt es immer eine Antwort derjenigen, die davon getroffen werden. In dem Fall der Pandemie sind wir das alle. Die Antworten können ideenreich, familienbezogen, ablenkend, genervt, erschöpft oder verzweifelt sein.

Die Studie hat sich vor allem für den Zusammenhang zwischen Belastung und dem Konsum von Alkohol und Tabak interessiert. Beides sind in unserer Gesellschaft verfügbare Antwortmöglichkeit - bekanntermaßen mit körperlichen und seelischen Nebenwirkungen.

Die Fragen aus der Studie dazu:

- Wie hat sich der Alkoholkonsum seit den Ausgangsbeschränkungen verändert?

Mit den Antwortmöglichkeiten: Etwas mehr als zuvor – Viel mehr als zuvor – Gleich viel/wenig – Etwas weniger als zuvor – Viel weniger als zuvor – Trifft nicht zu

- Hat sich Ihr Nikotinkonsum und/oder Konsum von E-Zigaretten seit Beginn der Ausgangseinschränkungen verändert?

Die Antwortmöglichkeiten sind gleichlautend wie oben.

 

Im Ergebnis blieb der Alkoholkonsum bei 41,0% unverändert, bei 37,4% hat er sich erhöht und bei 21,2% vermindert.

71,7% der Studienteilnehmer*innen sind Nichtraucher. Bei den verbleibenden Raucher*innen war bei 33,7% der Konsum unverändert, 42,7% haben mehr konsumiert, 9% weniger, 11% haben aufgehört und 3,6% haben mit dem Rauchen angefangen.

 

Die Zahlen lassen sich so interpretieren, dass die Mehrheit der Bevölkerung auf die Belastungen der Pandemie mit einer Veränderung ihrer alkohol- u. tabakbezogenen Konsumgewohnheiten reagieren. In der Veränderung ist der vermehrte Konsum das bestimmende Element, womit sich die gesundheitlichen und seelischen Risiken erhöhen.

 

Dieser Effekt – das hat die Befragung herausgearbeitet – wird zum einen durch das subjektive Stresserleben verstärkt, aber noch viel stärker durch die Dauer der Schulbildung bestimmt.

 

In der Suchtprävention wird das „subjektive Stresserleben“ unter anderem mit dem Begriff „Resilienz“ erfasst. Mit Resilienz ist eine Art seelischer Widerstandskraft gemeint, mit der schwierige Situationen durchstanden werden können. Eine resiliente Person wird mit Wörtern beschrieben wie: anpassungsfähig, belastbar, selbstvertrauend. Aber zu deren Eigenschaften zählen noch weitere Begriffe: zugewandt, emotional, mitteilsam, diszipliniert, kommunikativ, vertrauensvoll.

 

Die seelische Widerstandskraft kann man üben. Und die Angebote der modernen Suchtprävention helfen dabei. Wir als Fachstelle empfehlen zum Beispiel den „Jugend-Risiko$check“ für den Jahrgang 8 an Schulen, das „Cannabisprojekt“ ab Jahrgang 9 und das Projekt „KLASSE KLASSE“ für Grundschulen.

 

 

Die Studie können Sie nachlesen unter: www.aerzteblatt.de/201251

 

An Ihrer Meinung als Leser*in sind wir immer interessiert. Gern können Sie uns dazu schreiben:

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

Corona hat in den ersten Monaten diesen Jahres die Welt überfallen. Der ersten Schrecken ist mittlerweile eine Art Umgangsroutine gewichen und mit den aktuellen Hygieneempfehlungen gibt es eine Sicherheit vermittelnde Handhabe für jeden Einzelnen. Die Schlagzeilen zu Corona haben nachgelassen und die gesellschaftliche Aufmerksamkeit verteilt sich wieder breiter, andere Themen schieben sich in den Vordergrund. Damit hat auch diese Kolumne so langsam ihren Bezugspunkt eingebüßt. Sie endet mit diesem Beitrag, der auch keine Kolumne mehr im eigentlichen Sinne ist, sondern von dem „making-of“ erzählt. Schon wegen der Transparenz.

 

Also, über das Kolumnenwesen von la coronacion – eine rückblickende Draufsicht

 

Eine Kolumne ist nicht absichtslos. Auch hinter la coronacion standen Gedanken. Sie hatte einen direkten Bezug zu dem Zeitgeschehen, in dem sie geschrieben wurde. Sie nahm eine Bewegung unserer Gesellschaft auf. Unsere Gesellschaft wurde von dem Virusgeschehen um Covid 19 im März überrascht und getroffen. Unmittelbar.

 

Dem Getroffensein gab die Kolumne ein Alltagsgesicht. Das des Ich-Erzählers. Die Kolumne stellte ihn zur Verfügung und In ihm wurde die gesellschaftliche Erfahrung individualisiert und personifiziert und konnte so in leicht veränderter Form noch einmal miterlebt werden. Mit einer gespürten Nähe und Verwandtschaft im Seelischen konnte aus dem Ich-Erzähler ein „unser“ Ich-Erzähler werden, wie ich aus Ihren Zuschriften weiß.

 

Unser Ich-Erzähler war fiktional. Er war nicht identisch mit dem Schreiber der Kolumne, nahm aber Anleihen an dessen Erfahrungen, Miterlebtem und dem von ihm Gehörtem.

 

Unser Ich-Erzähler verwandelte die gesellschaftliche Erfahrung in eine Geschichte. Er schlug ein Narrativ vor. Er wählte dazu eine bestimmte Position. Er beobachtete und wunderte sich über das Beobachtete. Die Verwunderung konnte auch ihm selber gelten. Manchmal vor allem. Er gab dem was er bemerkte Worte und ließ mit den beschreibenden Worten seine Leser an sich und seinen Gedanken teilhaben. Er öffnete sich in seiner erstaunten Ratlosigkeit. Unser Ich-Erzähler verfremdete die Wirklichkeit, überzeichnete sie und ließ assoziativ seinen Phantasien ihren freien Lauf.

 

In diesem Moment vermittelte die Kolumne in der Figur des Ich-Erzählers auch eine seelische Funktion. Die Funktion des Umgangs mit einer krisenhaften Erfahrung.

Unser Ich-Erzähler machte sich die Realität fremd, um Abstand zu gewinnen. Der Abstand öffnete den Weg zur Reflektion, zum Nachdenken, zur Einordnung der Erfahrung. Unter einem seelischen Aspekt wollte unser Ich-Erzähler sich der entglittenen Sicherheit wieder bemächtigen. Vor dieser Aufgabe stand die Gesamtheit unserer Gesellschaft. Und als Leser konnte man diesem Bemühen zuschauen und vielleicht dabei auch ein Vergnügen empfinden. Geschadet hätte es nicht.

 

Unser Ich-Erzähler wollte verstehen und Klarheit haben. Er fing an zu suchen. Darin wurde das Bedürfnis nach sinngebender Ordnung nachgezeichnet. Offenbar eine Condicio humana.

Unser Ich-Erzähler lieh sich sein Verstehen bei anderen aus. Die Anderen waren sach- und fachkundige Autoren, stammten aus der Psychoanalyse oder waren Soziologen, oder Sozialwissenschaftler und anderes mehr. Es beruhigte ihn, sich mit seinem Erleben der Realität in einem größeren Rahmen wieder zu finden. Es beruhigte ihn, sein Erleben teilen zu können und aufgehoben zu sehen. In diesem Sinne wollten die Kolumnen-Texte auch ein „Containing“ für Erfahrungen anbieten.

 

La coronacion hatte vor, auch das Nachdenken des Lesers offenzuhalten. Dafür war die Einladung jeweils am Schluss gedacht, die persönlichen Erfahrungen mit dem Text abzugleichen und darüber zu schreiben. Als Mail an die Fachstelle zum Beispiel.

 

La coronacion mag in dieser Draufsicht jetzt sehr reflektiert wirken und doch ist es so, dass in dem Geschriebenen mehr enthalten war als der Autor dachte und geahnt hatte. Neben dem Bewussten gibt es eben immer auch Vor- und Unbewusstes, das sich übermittelt. Davon habe ich in Ihren Mails erfahren. Das war und ist sehr interessant und lehrreich. Danke für Ihre Mitarbeit.

 

Wenn Sie noch mögen, können Sie auch gern hierzu noch etwas schreiben.

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

https://de.actionbound.com/bound/schwalmederkreis

Alkohol, und was Du darüber wissen möchtest.
Teste Dein Wissen, und frage Dich, was Du über Alkohol weißt.
Oder was Du nur meinst zu wissen ;-)

Herzlich Willkommen zum Actionbound der Fachstelle für Suchtprävention im Schwalm Eder Kreis.
Hier wird immer wieder ein Actionbound für Dich erstellt,mit Themen, die DIch interessieren könnten.
Du aber nicht unbedingt Deine Lehrer*innen oder Eltern fragen möchtest. Die Fragen ja eh nur zurück!

Schreib uns gerne, wie Dir die Bounds gefallen, wir nehmen gerne Lob und Kritik.

Herzliche Grüße

Dein Präventionstem
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


 

Der heutige TIP der Woche ist wieder ein Onlinetip.
Wenn das Wetter schlecht ist, die Ideen mal ausgehen oder endlich eine Alternative zu You Tube gefunden werden will, dann ist folgendes Angebot eine gute Idee.

https://www.meine-forscherwelt.de/intro/start.html ist eine Seite, die sich direkt an Kinder im Grundschulalter richtet. Ihr Kind geht mit Juli, Tim und dem Kater Berleburg auf Entdeckertour durch einen virtuellen Garten. Dort erwartet ihr Kind Wissenswertes, Spiele und Challenges.
Also das, was Kinder so oft online suchen, und wir Eltern uns gleichzeitig fragen, warum beispielsweise wieder ein Let´s Play oder TIK TOK Video geschaut wird. Gleichzeitig wollen wir auch nicht ständig verbieten und kontrollieren. Sondern entdecken und forschen als Grundbedürfnisse der kindlichen Reifung anerkennen und fördern. Dieses Angebot ist eines der vielen Möglichkeiten, bei denen Kinder diesen Bedürfnissen virtuell und analog nachgehen können, ohne dass wir als Eltern zu misstrauisch und überwachend dahinter stehen müssen. Hier können wir sie machen lassen, und müssen damit rechnen, dass die Küche oder der Garten ein Labor werden.

Dieses Internetangebot vermittelt auf ansprechende und spielerische Weise, wie unsere Alltagswelt funktioniert. Es gibt ein reichhaltiges Angebot an Begleitmaterialien, die die Bildungsinhalte pädagogisch aufbereiten, und dazu einladen, die Experimente offline auszuprobieren. Wo es gerade online so gut geklappt hat, ist die Übertragung in die Alltagsumgebung ein leichtes Spiel. Gerade diese breite Aufstellung des (Bildungs-) Angebotes empfinde ich als besonders gut. Die Erwchachsenengeneration versucht oft, die Lebenswelten in "analog" und "digital" zu definieren, was manchmal "echt" und "unecht" meint. Die Kinder und Jegendlichen trennen nicht mehr, sondern es geht Hand in Hand. Das Eine ergänzt das Andere, und das scheint mit dieser Seite auch prima zu funktionieren.

Aber was rede ich, schauen Sie sich einfach das Tutorial zu Seite an, es dauert gut 3,5 Minuten und bietet eine gute Einführung und Informationen zur anbietenden Stiftung:

files/meine-forscherwelt_tutorial.mp4

 

Was halten Sie von der Seite? Und haben Sie und Ihre Kinder herausgefunden, ob eine Katze Melodien pupsen kann?
Das sind schließlich die großen Fragen, die es zu erforschen giltwink

Herzliche Grüße
Silke Sechtling
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Die Kolumne der Fachstelle für Suchtprävention in der Pandemie-Zeit haben wir etwas augenzwinkernd nach dem spanischen Wort für „Krönung“ benannt. Sie erscheint einmal pro Woche. Alltagsbeobachtungen vermengen sich darin mit Nachdenken und Informativem. Lassen Sie sich diese Mischung gut schmecken.

 

 

Veränderte Zeiten sind das, in denen wir leben. Bei all der zurückkehrenden Normalität.

Vermummt in eine Bank zu gehen, wer hätte sich das einmal als Verpflichtung vorstellen können. Ich muss zugeben, noch immer fühle ich mich dabei etwas bedenklich an.

Früher gab es diese Redeweise, etwas sei so egal, wie wenn „in China ein Sack Reis umfalle“. Das drückte tiefste Belanglosigkeit aus. Ich stelle mir vor, dass sich das jetzt nicht mehr so leichtfertig sagen lässt.

Manche Wörter erfahren einen tiefen Bedeutungswandel. „Ischgl“ war immer sozusagen „der Ballermann“ in den Alpen. Ein ausgelassener und feierfreudiger Ort. Und jetzt? Ischgl hat einen Makel bekommen. Das Image „Corona-Schleuder“ wurde ihm angeheftet. Mehr Sodom und Gomorrha als Soda und Gin.

 

Wie ist diese „Umwertung“ passiert.

Mit der Pandemie gab es einen neuen Bezugspunkt, von dem aus Bewertungen vorgenommen wurden. Die Leitfrage für Bewertungen scheint mir nun zu sein: „Wie können wir in der Gefahr die entglittene Kontrolle wiedergewinnen?“ Das legitimierte die Maske in der Bank und beförderte die Kritik an der Feierkultur und ihren Szene-Orten.

 

Das Thema Kontrolle ist für die Suchtprävention ein ganz hervorragendes Thema. Weil wir darüber nachdenken und unsere Handlungskonzepte darauf gründen. Für das ganze Menschsein ist Kontrolle wohl ein hochambivalentes Thema:

Kontrolle gibt Sicherheit. Kontrolle wahrt die Ordnung. Kontrolle schützt. Kontrolle ist Beherrschung. Und hier fängt es an, spannend zu werden. Kontrolle ist auch Enge. Kontrolle nimmt Freiheit. Kontrolle wird gesucht und gebraucht (zur Not über den Umweg des Ansammelns von Toilettenpapier) und bereitwillig im rauschhaften Erleben aufgegeben. Das ist, als ob Menschsein auch bedeute, eine zeitweilige Befreiung von sich selbst zu suchen und im Rausch ein anderer sein zu können - eine weniger kontrollierte Version des eigenen Selbst.

Alkohol ist hier ein von unserer Gesellschaft bereitgestelltes und oft genutztes Vehikel und ermöglicht ein alkoholgetränktes Selbstvergessen.

 

Es ist jetzt fast einhundert Jahre her, das Freud in seiner Schrift „Das Ich und das Es“ ein Modell des seelischen Apparates entworfen hat mit einer noch immer plausiblen Klarheit. Frisch abgestaubt liest es sich so, dass das Ich zwischen dem Gewissen (das ist der Ort, von dem überwiegend die Kontrolle ausgeht) und dem Es (das ist der Ort, von dem aus in unserem Beispiel der Wunsch nach rauschhaftem Kontrollverlust andrängt) steht und immer wieder aufs Neue einen Ausgleich herstellen muss.

 

Anfang Juni ist ein Fotoband mit dem Titel „Ischgl“ (Lois Hechenblaikner, Steidl Verlag) herausgekommen und wurde in den Feuilletons jeweils mit einem Interview des Autors vorgestellt. Der Autor ist heimatliebend und tourismuskritisch. Er hat die in dem Wintersportort angezündete deutsche Seele in Bild und Wort vermessen. Die Sprache ist messerscharf, so zum Sezieren geeignet. Ich lass die jetzt mal los - von der Leine gewissermaßen - ,diese Sprache:

 

„Schon als Kind fiel mir auf, dass viele Deutsche so eine gewisse Eingesperrtheit haben. Etwas Gehemmtes. Das haben unsere Bergbauern instinktiv kapiert: So ein deutscher Tourist braucht einen Anschubser, damit er loslässt. Den Deutschen musst du einstellen zwischen 0,5 und einem Promill … und dann kannst du ihn abmelken.“

„ … die meisten Wirte haben einen bäuerlichen Hintergrund. Das heißt, sie haben einen Instinkt fürs Tier. Und der Instinkt des Viehhändlers ist das Rezept für Apres-Ski.“

„40 Prozent der Leute sind ja heute geschieden. Die meisten sind aber noch voll im Saft und wollen einen guten Secondhand-Durchgang erleben. Ischgl hat sich als alpintouristische Hoffnungsstätte für den hormonellen Haushalt etabliert. Der ganze Ort ist so kalibriert, dass einem suggeriert wird: Lass die Sau raus.“*

 

Freud hat das einmal dezenter sinngemäß so benannt, dass das Gewissen (Über-Ich) im Alkohol gelöst werde.

 

Vielleicht stehen wir ja alle mit unserem Ich zwischen ischglartiger Entfesselung und maskenartiger Kontrolle. Mit beidem muss unser Ich eine Berührung haben, um sich auf einen selbstverwirklichenden Freiraum gründen zu können. Und es muss sich Platz verschaffen. Für die Vernunft. Für Verstehen und Abwägen und Bewerten.

 

Was denken Sie darüber?

Schreiben Sie mir: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

*Zitate entnommen aus: Süddeutsche Zeitung Nr. 106/2020, Seite 11 und Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Nr. 22/2020, Seite 52

 

Die Kolumne der Fachstelle für Suchtprävention in der Pandemie-Zeit haben wir etwas augenzwinkernd nach dem spanischen Wort für „Krönung“ benannt. Sie erscheint einmal pro Woche. Alltagsbeobachtungen vermengen sich darin mit Nachdenken und Informativem. Lassen Sie sich diese Mischung gut schmecken.

 

 

Das Kolumnenwesen floriert. Ich habe jetzt eine Anregung bekommen. Vielleicht ist es sogar ein Auftrag. Und bei Aufträgen lässt sich schon fast ein Geschäft wittern.

Die Anfrage war, ob ich nicht einmal über die Maske als solche etwas schreiben könne. Die Idee gefiel mir gut. Schon weil ich finde, dass diese Dinger die Ohren meiner Mitbürger*innen so schön zum Segeln bringen. Je strammer die Haltegummis, desto „segeliger“ wird es, aber auch umso schrumpeliger. Allein das erheitert mich ein jedes Mal. Das funktioniert übrigens auch im Spiegel.

 

Auch beeindruckt mich die Filterwirkung dieser Teile. Und dazu zählt auch eine Erfahrung, die ich kürzlich machen konnte.

 

Diese Erfahrung war eine Begegnung. So von Maske zu Maske. Sie fand im Supermarkt statt. Ich hatte mich dort schon in die verschiedenen Vorschriften des Hygienischen eingefügt und musste mich fragen, ob ich jetzt gerade mehr beschützt oder doch eher eingeengt werde. Nun gut, der Einkauf war beisammen, im abstandssicheren, griffdesinfizierten Wagen verstaut und mit - wegen der Maske - leicht beschlagen-nebligen Brillengläsern bewegte ich mich zur Kasse. Zügig. Auf dem Weg dahin eine Engstelle im Gang. Ein Rollwagen. Nicht auf meiner Seite. Ich also vorfahrtsberechtigt. Da kommt einer. Also Gegenverkehr. Und der schiebt voran. Vermummt wie er ist. Ich denke, gut, dann machen wir eben mal eine kleine Einkaufswagenverkeilerei - und dann sehen wir weiter.

 

Dieses Verfahren habe ich mir übrigens abgeschaut. Meistens läuft das unter der Überschrift „Kompetenzgerangel“. Prominentes Beispiel zuletzt war die Konstellation Verfassungsgericht gegen Europäischen Gerichtshof bei den Anleihekäufen. Auch in der Entwicklungszeit der jetzt veröffentlichten Corona-App, war unter den Beteiligten viel „rangeliges“ Kompetenzgeschehen herauszuhören. Gibt es eigentlich überall und immer wieder.

 

Also, auch ich schiebe. Stillstand. Schön verkeilter Stillstand. Nichts geht mehr. Stau.

 

Ich warte auf eine Verkehrsdurchsage, in etwa dem Stil: „Achtung, Verkehrsstau in Gang C „Hygieneartikel“. In Höhe der Anschlussstelle Toilettenpapier ist eine Tagesbaustelle. Der Verkehr staut sich zurück. Sie müssen mit 10 Minuten Verzögerung rechnen.“

 

Diese Durchsage kommt nicht, aber ich höre etwas anderes. „Bsdka“.

Die Filterwirkung der Maske ist erstaunlich. Zumindest bei Silben und Worten. Die bleiben schon mal hängen darin. Wenn die das mit dem Virus genauso hinbekommt will ich zufrieden sein.

Der Fremde also will mit mir reden. Kontakt aufnehmen. Kommunizieren. Ist wahrscheinlich doch ein soziales Wesen. Und dann höre ich meinen Namen „ … bist du das?“. Vielleicht musste es so kommen – wir kennen uns. Und waren uns kurz zuvor noch so maskenfremd.

 

Masken verbergen und bewahren. Schützen und verheimlichen. Die Motive und Zwecke der Maske sind vielschichtig. Rechtschaffen und Rechte verletzend. In der Maske wohnt eine Ambivalenz.

 

Im Kontext des Sozialen macht die Maske ihren Träger unkenntlich. Und der Maskenträger weiß um diese Unkenntlichkeit. Er wird gesehen, aber nicht erkannt. Er enthebt sich der Regeln der Gemeinschaft, die auf dem Erkennen beruhen. Er gibt diesen Halt auf und sucht die Befreiung von Konventionen. Das kann die Identität bereichern oder auch das Soziale in der Gemeinschaft gefährden.

In den Worten der Strukturtheorie der Psychoanalyse – die das Seelische in die Instanzen Ich, Es und Über-Ich unterteilt – lässt die Maske Regungen aus dem Bereich des Es in das Ich einströmen und schwächt den Einfluss des Gewissens. 

 

Ich denke, in dem Supermarkt habe ich etwas von der Ambivalenz zu spüren bekommen.

 

Und wissen Sie, was verdammt schwer ist mit Maske?

 

Zu lächeln.

Wahrscheinlich fehlt das der Maske und ihren Trägern am allermeisten.

 

Wie geht es Ihnen mit der Maske? Welche Erfahrungen und Begegnungen haben Sie eingesammelt?

Schreiben Sie mir: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

 

Die Kolumne der Fachstelle für Suchtprävention in der Pandemie-Zeit haben wir etwas augenzwinkernd nach dem spanischen Wort für „Krönung“ benannt. Sie erscheint einmal pro Woche. Alltagsbeobachtungen vermengen sich darin mit Nachdenken und Informativem. Lassen Sie sich diese Mischung gut schmecken.

 

 

Ich habe mich jetzt mit meinen Kolleginnen unterhalten und gemerkt, ich muss mich einfach mehr öffnen. Und lockerer werden.

 

Wie ich darauf komme?

Die einmal so benannte „Öffnungsdiskussionsorgie“ – erinnert sich noch jemand an die Zeit und die Zustände, als dieses Wort von der Kanzlerin in die Welt gebracht wurde? – war ja sehr erfolgreich. Erfolgreicher als die Macht des Coronavirus, auf Dauer Angst einzujagen. Geöffnet und gelockert wurde allerorten. Locker die Friseure, das Eis in der Waffel, das Shoppen und das Zanderfilet aus Wildfang im Restaurant. Und „allerorten“ umfasst jetzt auch wieder Urlaube, Strände, wohl auch die der Mittelmeerländer.

 

Soll ich jetzt so einen kleinen Wanderurlaub auf dem Weinsteig bei Deidesheim (Deidesheim ist der saumagenberühmte Ort Helmut Kohls. Da traf er sich schon mal mit anderen Staatenlenkern zum sternedekorierten Schmausen.) probieren?

Das frage ich mich. Eigentlich ist das keine Frage. Aber eben jetzt.

Ich muss richtig überlegen. Nicht jetzt wegen Helmut Kohl. Nicht wegen dem Saumagen. Wegen was anderem. Halb gelockert war ich ja schon. Kartenmaterial besorgt, wandertauglicher 1:25 000er Maßstab, Etappen eingeteilt. Aber irgendwie ist das doch ein Schritt, nicht so der ganz leichte und selbstverständliche. In den letzten Wochen hatte ich aus unserem Home eine Art Castle gemacht und das öffentliche Leben vor dem Burgfried gelassen. Hat sich ja bewährt. Gesund geblieben. Ich merke jetzt, das öffentliche Leben hat mich die ganze Zeit belagert. Soll ich da hineingehen, in die corona-technisch vierfünftel befriedete Welt? Diese Welt ist inzwischen von jeder Menge Typen der Sorte Bruder Leichtsinn bevölkert, die vielleicht nur besonders gut im Vergessen sind und den Gegenwartsmoment über das Erinnern stellen. Wahrscheinlich bin ich Bruder Vorsicht und habe noch einen Vorrat der schlimmen Italienbilder aufbewahrt. Das Virus glimmt noch, es gibt Glutnester (die heißen heute Hotspots) und manche Zeitgenossen haben ihr Leben schon wieder auf Durchzug umgestellt. Und Durchzug entfacht.

 

Die „neue“ Normalität will noch nicht so ganz die meinige werden. Warum muss ich so herumüberlegen? Über das sonst Selbstverständliche so gründlich nachdenken? Was ist das Fremde im eigentlich Altvertrauten?

 

Vielleicht durchlebe ich ja eine Wiederannäherungskrise?

Dieses schöne Wort hat vor zahlreichen Jahren Margret Mahler erfunden. Es stammt aus der Zeit, als die psychoanalytische Entwicklungslehre nicht mehr nur aus der Behandlung Erwachsener rekonstruiert, sondern auch mit empirischen Beobachtungen fundiert wurde. Das Wort beschreibt eine „Modellvorstellung von Entwicklung“, die nicht immer „laut“ sichtbar wird, manchmal wirkt sie mehr im Hintergrund. Gemeint ist eine vom kleinen Kind empfundene Unmöglichkeit. Es muss eine Zumutung durchleben und ertragen.

Der ganze hochgestimmte Stolz über die mit dem Laufen verbundene Welteroberung weicht noch vor Mitte des zweiten Jahres einer mehr quengeligen Unzufriedenheit. Was ist los? Das kleine Kind merkt etwas. Obwohl so viel Neues erstmalig gelungen ist, kann es jetzt gleichzeitig auch die eigene Begrenztheit erfassen. Die sich verbessernden kognitiven Fähigkeiten sagen ihm das. Es merkt, wie sehr es noch die Eltern braucht, Mutter und Vater. Es spürt den Boden der Tatsachen. Und der ist unnachgiebig, desillusionierend. Aber trotz der ganzen Errungenschaften wieder so klein wir vormals zu sein? – das geht auch nicht. Deswegen ist die Welt blöd und Mutter und Vater sowieso. Und hier geht für das Kind der Ärger erst richtig los. Wenn ich wütend auf die beiden bin, dann macht meine Wut aus diesen beiden etwas anderes, doofe Eltern sind das – ich brauche aber gute Eltern, um aus dieser Klemme heraus zu kommen. Und das ist das, was Eltern schaffen müssen: auf eine verzeihende Art gut (und ehrlich) zu bleiben, obwohl das Kind gerade so unmöglich anstrengend ist. Nicht leicht. Aber nur dann kann das Kind seine Wut „am Objekt“ (d.h. den Eltern) integrieren und negative mit positiven Affekten zu einem Bild zusammenfügen.

 

Hab´ ich mir jetzt gerade so etwas eingefangen? Eine späte Version der Wiederannäherungskrise?

Ich will mich ja auch „wieder annähern“. Aber an keine Eltern, sondern an das frühere Draußen. Ich gebe auch keine „Welteroberung“ auf wie das kleine Kind, sondern einen sicherheitsspendenden Rückzugsort. Aber unleidig bin ich doch. Habe auch eine Ambivalenz, die zwischen Wunsch nach unbeschwerte Lebensfreiheit und Virus-Bedenken. Das Kind konnte sein quengeliges Unzufrieden-sein an den Eltern auslassen. Ich stelle mir gerade vor, dass das auch schön entlastend sein kann. Würde ich ja auch machen. Geht ja ausgesprochen gut mit Verschwörungstheorien. Aber ich glaube, ich muss es selber ausbaden.

 

Ich lass mir jetzt das Wasser ein.

 

In Deidesheim.

 

 

Haben sie auch Umstellungsschwierigkeiten mit der Wiedereröffnung unserer früheren Lebensvollzüge?

 

Schreiben Sie mir?

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

P.S.  „Indirekte“ Autorin dieser Kolumne ist meine liebe Kollegin Marianne, deren psychologische Reflektionsfähigkeit mit in den Text eingeflossen ist. Ja, die Gespräche „zwischendrin“ sind so ergiebig wie nützlich. Und gehen wohl nur im Office, ohne Home.

Ich bin jetzt Officer. Ich glaube ja, es handelt sich um eine Beförderung. Hat mit mir aber noch keiner so drüber gesprochen. Muss aber so sein, eigentlich. Genauer gesagt bin ich back-Officer. Also ich arbeite jetzt im BackOffice. Ist mir gesagt worden. Wegen Corona. Aus Altersgründen. Sie dürfen sich jetzt nicht so einen bäuerlichen Alterseinsitz vorstellen und dass ich mein gebrechlich gewordenes Leben in einer schummrigen Kate bei trocken Brot friste. Nein, nein. Ich bin Officer. Wahrscheinlich arbeite ich sogar undercover. Eigentlich warte ich darauf, dass mich jemand mit James anredet und ich so gerührt wie geschüttelt bin.
 

Sie merken vielleicht, ich suche mit diesen launigen Worten den Weg zu einer veränderten beruflichen Identität. Und mit der ist das so eine Sache.

Stellen Sie sich das einmal so vor:

Links ist ein Kreis, in dem sich all das versammelt, wie man sich selber sieht und findet.

Rechts ist auch ein Kreis. In dem ist all das enthalten, wie einen andere sehen und beschreiben und natürlich auch finden.

Wenn der linke Kreis von dem rechten ganz weit weg ist, dann nützt das für die Identität gar nichts. Beide müssen sich näherkommen, berühren und sich zu einem Teil übereinanderlegen. Das ist aber nicht bedenklich, sondern sehr nützlich. Es entsteht auch etwas Neues dabei.

Diese Schnittmenge ist die Identität. Die eigene. Wo ich mit dem von anderen gesehen werde, wie ich mich fühle. Und da hat Corona jetzt dran rumgeschoben. Alles durcheinander gebracht sozusagen.
 

Das geht aber nicht nur mir so.

Es gibt jetzt eine erste Befragung Jugendlicher aus der aktuellen Pandemiezeit. Sie sind in einem bisher unbekannten Ausmaß auf sich selber und die eigene Familie zurückgeworfen.
 

Die sonst von der Schule gesetzte Zeitstruktur muss weitgehend selbst hergestellt werden, zumeist in einer Wochenperspektive. Wann erledige ich Deutsch, wann Mathe?
 

Neben der Fähigkeit zur zeitlichen Selbststrukturierung wird unter den derzeitigen reduzierten Bedingungen ebenso die Problemlösekompetenz abgefragt. Die aktualisiert sich in dem Moment, in dem jemand nicht weiterweiß und ratlos wird. „Wer hilft mir?“ Darauf muss jetzt unter den eingeschränkten Bedingungen eine mehr oder auch minder gute Antwort gesucht werden.
 

Schwierigster Punkt ist das Fehlen der Begegnungen mit Gleichaltrigen. Auch hier gilt der oben genannte Satz, dass die eigene Identität das Gegenüber und ein „Erkannt-werden“ und „Gesehen-werden“ braucht. Diese Funktion des Gegenübers kann nur partiell an die Selbstdarstellungen im Internet und erhaltene Likes abgetreten werden. Das muss einfach live sein und braucht die Unmittelbarkeit der Begegnung. Und da ist jetzt etwas verstummt, bzw. kommt mit der partiellen Schulöffnung gerade wieder in Gang.

Corona macht die Identitätssuche u. -bildung schwieriger, weil sie die Beziehungswirklichkeit verändert. Das eigene Leben jenseits der Familie, das notwendige „Nichtwissen“ der Eltern, die durch den stärker werdenden Kontakt zu Gleichaltrigen entwickelte Autonomie – all das ist abgekühlt und auf Zeit eingefroren.
 

Ich freue ich auf das Tauwetter.

Bis dahin beantrage ich schon mal einen Aston als Dienstwagen und lasse meinen Kugelschreiber als Laserwaffe nachrüsten. Und BackOffice hört sich irgendwie ja auch nach Come-back an. Oder?
 

„Overbeck!“ - hat mich da gerade jemand Overbeck gerufen?
 

Ähem –Wie hat sich Ihre berufliche Identität verändert? Sind Sie noch der oder die Alte?

Schreiben Sie mir! – Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Immer mal lese ich Fachartikel aus der suchtpräventiven Welt. Darin werden besonders intensiv Jugendliche in dem, was sie tun, ausgeleuchtet. Angesichts einer Welt voller Must-haves entwickeln sie öfter mal zum Risiko ein Verhältnis wie die Motten zum Licht. Zu nah, zu viel, die Flügel versengt - oder auch die Seele.

Ich lese über den Digitalstress junger Leute. 78% der jungen Frauen und 58% der jungen Männer sehen sich von den sozialen Medien gestresst. Bewegen sich auch nahezu pausenlos darin, muss ich denken. Man lässt sich gern von dieser digitalen Welt umfangen und merkt erst später den Verlust an Selbstbestimmung und Freiheit: mitgeschrieben – mitgefangen. Mit und nach dem Spaß wartet ein übler Hangover: Müdigkeit durch Schlafmangel (56%), Einschlafschwierigkeiten (53%), Gereiztheit und Erschöpfung (knapp 50%). Das Spannende hat seinen Reiz und seinen Preis.

 

Szenenwechsel. Jetzt neulich hatte ich einen lahmen Sonntag. Sally Rooney ausgelesen, Wetter bescheiden und bis zum Tatort ist noch lange Zeit. Das alles fühlte sich auch nicht nach Muße, sondern eindeutig nach Langeweile an. Aber so sollte dieser Tag nicht verdümpeln. Vielleicht könnte ich mir mal eine Dosis Digitalstress zumuten. Dachte ich so. So zur allgemeinen Belebung. So ein „mottenmäßiges“ Unterwegsein vielleicht, das aus der langen eine kurze Weile macht.

 

Also Smartphone an, rein ins Internet, Augen auf, Seele auf Modus Sensation gepolt und rumgestöbert. Ich checke Schlagzeilen und Schlagwörter. Ich fühle mich auch gleich belebt. Verschwörungstheorien. Unglaublich. Die ganze Welt wartet auf einen Corona-Impfstoff und hier bereits eine Bewegung gegen staatliche Willkür und Impfzwang. Spektakulär finde ich auch, dass Funkmasten an dem Tod von Covid-19 Patienten beteiligt sein sollen. Waghalsig. Meine Stirn legt sich freiwillig Runzeln zu. Ich merke, der Blutdruck gerät in Bewegung, Herzschlag beschleunigt, Atemfrequenz legt zu. Kurzzeitig denke ich, das ist eigentlich wie berghoch mit dem Bike. Nur das Ambiente stimmt nicht. Und so werde ich ganz Motte. Dieser Sonntag hat seine Ereignislosigkeit verloren. Mein Sofa beschleunigt auf einer Autobahn.  

 

Verschwörungstheorien boomen völlig in der Coronazeit. Was für ein Theater. Und genauso stelle ich es mir auch vor. Als eine Aufführung. Aufgeführt wird immer wieder aufs Neue eine Art „Proceß“. Nur nicht so fein, so durchdacht und auch nicht auf eine so schleichende Art zwingend komponiert wie bei Kafka, mehr die plumpe und völlig vereinfachende Variante.

 

Es gibt ein Delikt. Immer von der ungeheuerlichen und unverzeihlichen Sorte: vergiftete Corona-Zwangsimpfungen, Covid-19 verursachende 5G Mobilfunkmasten, die NeueWeltOrdnung. Selbstverständlich gibt es noch mehr zur Auswahl. Eine Art Baukasten stelle ich mir vor, der insbesondere den paranoiden Weltblick zu erweitern hilft.

Es gibt die Täter. Natürlich. Bill Gates steht hoch im Kurs, aber russische Troll-Fabriken holen gerade auf, nur die Geheimdienste haben im Moment Boden verloren und ihre Popularität an militärische Forschungslabore abtreten müssen. Aber das wechselt auch ständig, man kommt ja kaum hinterher.

Der Dritte im Bunde ist der besserwissende Aktivist, eine Art Seher, der über polemisierende Meinungsmache sein Publikum sucht – und offenbar auch findet. Ein bisschen fühle ich mich da in den alten Witz mit dem Falschfahrer auf der Autobahn hineinversetzt. Sie wissen schon: „Einer, wieso einer? Hunderte!“

 

Was mag ich nicht an dieser Art „Proceß“?

Natürlich muss ein breites Unbehagen in der Bevölkerung – gerade dann, wenn es sich um die Einschränkung von Grundrechten handelt – in die öffentliche Debatte einfließen und den Prozess der politischen Willensbildung mit beeinflussen. Auch wenn die Begründung mit den Verschwörungstheorien so merkwürdig misslungen ist.

Meinungsfreiheit ist ein Kernelement der Demokratie. Demokratie lebt im Widerstreit der Argumente. Argumente finden ihre Kraft in einer plausiblen Begründung. Begründungen müssen nachweisbar und nachprüfbar sein.

Das gilt auch für Theorien jeglicher Sorte. Bis jetzt gibt es in den Verschwörungstheorien einen Kurzschluss zwischen Empörung und Schuld. Und Kurzschlüsse hauen die Sicherung raus.

 

Was macht eigentlich das Ich im seelischen Apparat?

Das Ich nimmt Affekte wahr und hält diese aus und fest, ohne ihnen blindlings zu folgen. Gerade dann, wenn der Affekt Empörung und Hass heißt. Das Ich erträgt Widersprüche und Ambivalenzen, ohne auf eine Weltsicht nach dem Freund-Feind-Schema zu regredieren. Es versucht zu verstehen und vernunftbasiert abzuwägen. Das Ich sucht nach abgesicherten Begründungen für sein Handeln. Und – das will ich anfügen – es wird sich immer einen Zweifel bewahren, hoffentlich. Schon wegen der immer möglichen eigenen Blindheit und jeglichen Phantasien von Unfehlbarkeit und Allmacht.

Anders formuliert: das Ich dreht die Sicherung wieder rein. Und das brauchen wir. Dringend.

Da könnte ich jetzt auch glatt darauf schwören.

 

 

 

Das alles war vor vier Tagen. Seitdem bin ich müde und gereizt. Schlafe schlecht. Ein „mottiges“ Gefühl ist das, kann ich sagen. Muss Digitalstress ein. Aber es gibt jetzt eine Bevölkerungsgruppe, die ich besser verstehe und eine, bei der mir das kaum gelingen will.

 

Was stellt das Internet mit Ihnen an und haben auch Sie eine verschwörerische Theorie auf Lager?

Schreiben Sie mir.

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

Fachstelle für Suchtprävention 


Beratungsstelle des Schwalm-Eder-Kreises

Schlesierweg 1
34576 Homberg (Efze)
Telefon: 05681 775 600
Fax: 05681 – 775 598

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Fachstelle für Suchtprävention

Tip der Woche – heute für ...

 Lockdown, Mediennutzung und die Kampagne ...

TIP der Woche–Studie: Stress ...

  Der heutige Tip beleuchtet die Auswirkungen ...

la coronacion - „making-of“

Corona hat in den ersten Monaten diesen Jahres die Welt ...

Weißt´e Bescheid... über ...

https://de.actionbound.com/bound/schwalmederkreis ...

Scroll to top
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok