Inhalte des Vortrags von Frau von Weiler (Innocence in Danger) am 12.10.2016

Im Rahmen der alljährlichen Öffentlichkeitsveranstaltung der Beratungsstelle referierte die Diplompsychologin und Buchautorin zu einem heiklen und dennoch überaus wichtigen Thema:

Alle Eltern und Pädagogen wissen, welche Anziehungskraft Computer und Smartphones auf unsere Kinder und Jugendlichen ausüben. Viele interessante und schöne Dinge gibt es da zu entdecken – aber es lauern auch verborgene Gefahren.

Wie diese aussehen und welchen Schutz Eltern und pädagogische Fachkräfte Kindern geben können, hat die namhafte Expertin Julia von Weiler aus Berlin anschaulich in ihrem Vortrag dargelegt.

Ihr Vortrag in Zusammenfassung:

Einer von drei Internetnutzern ist minderjährig.

In der „Generation Selfie“ posten im Alter von 11 Jahren 26% der Jungen und 28% der Mädchen Selfies. Im Alter von 13 Jahren sind es bereits 41% bzw. 61%.

Eine spezielle Form dabei ist „Sexting“ – das Versenden intimer Fotos in der Regel an den Freund/die Freundin.

Im „digitalen Exhibitionismus“ gilt: kein whats app – keine Party.

Aber auch der Konsum von Pornos gehört zum Lebensalltag von Kindern und Jugendlichen. Im Alter von elf Jahren haben 9% der Jungen und 11% der Mädchen bereits entsprechende Filme oder Clips gesehen. Bei den 14-jährigen sind es 48% der Jungen und 28% der Mädchen.

Die digitalen Medien verändern unsere Gesellschaft. Gewalt und sexualisierte Gewalt sind in der Werbung und in leicht zugänglichen Clips alltäglich geworden. Kinder und Jugendliche werden jedoch auch von Erwachsenen oder Jugendlichen gezielt mit Gewaltfilmen und harter Pornografie konfrontiert oder bis hin zu Cybersex manipuliert.

Aber auch die Kinder und Jugendlichen selbst verbreiten digital gewaltvolle oder sexuell missbräuchliche Bilder anderer Kinder, z.B. durch „Happy Slapping“ (Jemand filmt wie eine Person geschlagen, gedemütigt, etc. wird und verbreitet diesen Film im sozialen Umfeld des Opfers) oder durch Weiterleiten der privaten Sexting-Bilder.

Die digitale Verbreitung von Gewalt- bzw. Missbrauchsabbildungen stellt für das so öffentlich zur Schau gestellte Opfer eine hohe Belastung dar. Neben der aktuellen Sorge „wer sieht das jetzt alles über mich/von mir?“ bedeutet das auch die Sprengung der Raum-Zeit-Dimension, in der wir uns sonst im Alltag bewegen: „Einmal im Netz – immer im Netz“.

Heutzutage leben Kinder und Jugendliche Beziehungen auch online, z.B. in sozialen Netz-werken. Auf diesem Weg haben potentielle Täter und Täterinnen ungestörten und direkten Zugriff auf sie. Das Nahfeld, also die Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen und eine Beziehung zum Kind aufzubauen, war noch nie so groß wie heute.

Die Täter bauen strategisch und perfide eine Freundschaft/Beziehung auf. Im Verlauf dieses „Cyber-Groomings“ beginnen sie dann, die Kinder zu manipulieren, in eine Abhängigkeit zu bringen, zu bedrängen und nutzen dabei alle ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Dabei ist „Sexting“ eine beliebte Täterstrategie. Der Täter bringt das Kind/den Jugendlichen dazu, ihm freizügige, pornografische oder peinliche Bilder von sich zu senden – oft im Austausch mit einem vermeintlich eigenen Bild. In der Folge kommt es dann oft zu „Sextortion“, der Erpressung des Opfers mit dem geschickten Foto oder Film. Der Täter verlangt immer mehr und pornografischeres Material mit der Drohung, das Opfer sonst vor aller Welt bloßzustellen.

Der MIKADO-Studie zufolge gibt es weltweit 56 Mio erwachsene Internetnutzer, von denen 26% angeben, sexuelle Onlinekontakte zu haben, von denen wiederum 5% sexuelle Onlinekontakte zu Kindern bis 14 Jahre einräumen. So kommt man rechnerisch auf 728.000 Erwachsene, die von sich aus von sexuellem Missbrauch an Kindern über die neuen Medien berichten. Die Dunkelziffer liegt sicher weitaus höher.

Wie können wir die Kinder und Jugendlichen schützen?

Die verantwortlichen Erwachsenen müssen sich zumindest grob im Online-Leben und den sozialen Netzwerken auskennen und um das Vorkommen von Gewalt und Missbrauch wissen. Sie müssen sich damit auseinandersetzen und eine klare Haltung dazu beziehen. Gleichzeitig ist es wichtig, den Lebenswelten der Kinder mit Interesse und Offenheit zu begegnen, denn nur so ist ein offener Austausch zwischen Eltern und Kindern möglich.

Kinder und Jugendliche sollten an den verantwortungsvollen Umgang mit den digitalen Medien herangeführt werden. Ihr kreativer Umgang damit (Musik, Video, Fotografie, aber auch geeignete Spiele und sicherer sozialer Austausch) sollte gefördert werden. Sie müssen aber auch über die Gefahren und Täterstrategien informiert werden.

Diese Prävention sollte nicht ängstigen, sondern ermutigen und stärken. Es gibt für jedes Alter geeignetes Aufklärungsmaterial, z.B. Theaterstücke, Kurse in Schulen, Faltblätter und gute Internetseiten wie z.B. www.trau-dich.de, www.save-me-online.de, www.juuuport.de, www.innocenceindanger.deund/oder für Eltern www.missbrauch-verhindern.de.

Unter www.hilfeportal-missbrauch.definden Familien Hilfe, wenn das Kind sexuelle Gewalt erfahren hat.

 

Ganz entscheidend ist jedoch, wie Eltern, Pädagogen, verantwortliche Erwachsene selber mit dem Smartphone und dem Computer umgehen. Als Vorbilder leben sie den Kindern vor, welchen Stellenwert sie den digitalen Medien einräumen und wieviel Raum sie ihnen im sozialen Leben geben.

 

Die Referentin Frau von Weiler ist Diplompsychologin und Autorin des Buches „Im Netz – Kinder vor sexueller Gewalt schützen“. Sie ist unter anderem  Vorstandsmitglied von Innocence in Danger e.V., einer internationalen Bewegung gegen sexuellen Missbrauch von Kindern.

Unter www.innocenceindanger.defindet man aktuelle Präventionsprojekte und Links für Kinder, Jugendliche, Eltern und Fachleute zu aktuellen Themen und Fragen rund um den sicheren und verantwortungsvollen Umgang mit den digitalen Medien.

 

                                                                                                                 Susanne Gerlach, Januar 2017

 

 

 

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