Geschwisterstreit einschränken

Empfehlungen von unserem ehemaligen Kollegen H. Paff-Dolinga

Fragt man Eltern nach der Qualität der Beziehung zwischen ihren Kindern, erhält man oft die Antwort: „Normal eben, wie Geschwister so sind, sie lieben und sie streiten sich.“  Die Gleichzeitigkeit von starken  gegenteiligen  Gefühlen wie Liebe und Hass,...

 

Solidarität und Rivalität, Neid und Eifersucht  scheint die Beziehung von Geschwistern geradezu auszuzeichnen. Geschwisterstreit ist also allgegenwärtig und normal. Doch manchmal gewinnt er die Oberhand und belastet die ganze Familie. Wie dies verhindert werden kann, soll uns im Folgenden beschäftigen.

Gründe für Geschwisterstreit

Worum geht es beim Streit unter Geschwistern? Es geht in erster Linie um die Liebe der Eltern, um ihre Anerkennung und Aufmerksamkeit,  und die fundamentale Sorge, weniger geliebt zu werden als das Geschwister. Inzweiter Linie geht es um Besitz, Rechte, Macht, und zu wem die Eltern im Konfliktfall halten, wobei wir wieder bei der Sache mit der Liebe wären.

Das Ausmaß von Streit und Rivalität hängt ab vom Geschlecht, vom Altersabstand  und vom Elternverhalten.  Es ist besonders groß bei gleichem Geschlecht und geringem Altersabstand der Geschwister und bei ungleicher bzw.  „ungerechter“ Behandlung der Kinder durch die Eltern.

Es geht um Gerechtigkeit

Eltern können die Geschwisterbeziehung also  fördern oder behindern.  Haben Geschwister in der Regel die Hoffnung aufgegeben, den ersten Platz im Herzen der Eltern zu besetzen, so soll es wenigstens, wenn es nach den Kindern geht,  gerecht zugehen. Jedes Kind braucht das Gefühl, einen gleich großen, festen und ungefährdeten, weil einzigartigen Platz im Herzen der Eltern zu haben. Kinder haben feine Antennen für Ungerechtigkeiten. Sie erleben Ungleichbehandlungen als fundamentale Verletzung ihres Selbstwertgefühls und reagieren darauf mit Klagen ( „Ihr habt den/die   lieber als mich.“), mit Wut gegen die Eltern, Geschwister und sich selbst , mit Depression, Rückzug und/oder  Krankheit .

 

Die Notwendigkeit, jedes Kind gleich lieb zu haben, deckt sich mit dem Anspruch der meisten Eltern. Das wollen sie auch. Doch im hektischen Alltag mit den Kindern ist dieser Anspruch nicht immer leicht einzulösen. Stellt man als Eltern Ungerechtigkeiten und Ungleichbehandlungen bezüglich Liebe und Aufmerksamkeit fest,  besteht Handlungspflicht, die Gründe dafür zu beseitigen.

 

Handlungsempfehlungen

1.       Keine bewusste Ungleichbehandlung

Will man Geschwisterstreit vermindern, sollte man darauf achten, dass es keine bewusste und tatsächliche Bevorzugung oder Benachteiligung in Sachen Liebe, Aufmerksamkeit und materieller Zuwendung gibt.

 

2.       Jedes Kind so sehen, wie es ist

Es gibt  manchmal  bezüglich der Gleichbehandlung Probleme, die tiefer liegen. Dies ist z.B. der Fall, wenn die  „Passung“ zwischen einem Elternteil und einem Geschwister nicht stimmt. Faktoren, die Abneigungen und Vorlieben begünstigen können, sind z.B. Übertragungen von Erfahrungen und Einstellungen zu sich selbst und zu Personen aus der Vergangenheit oder Gegenwart auf die Kinder.    Äußerungen wie „Der ist wie sein Vater!“  sind Hinweise auf solche Übertragungen. In solchen Fällen sehe ich das Kind nicht so, wie es ist, sondern ich gerate in Gefahr, ihm Eigenschaften zuzuschreiben, positive oder negative, die eigentlich jemand anderem gegolten haben. Die Testfrage, um solche Übertragungen aufzuspüren, ist: An wen erinnert mich das Kind?

Weitere Faktoren, die die Passung behindern könnten, wäre z.B. das Geschlecht des Kindes, sein Alter,  seine  Position in der Geschwisterreihe oder seine Behandlung durch Außenstehende. So kann es sein, dass ein Elternteil  eher mit Mädchen, das andere eher mit Jungen, das eine eher mit kleinen, das andere eher mit großen Kindern kann. Eifersucht auf das eigene Kind kann entstehen, wenn das Kind von den Großeltern all das bekommt, was sie, als sie Eltern waren,  nicht geben konnten usw..

Ungleichbehandlungen in Sachen Rechte und Pflichten oder materielle Zuwendung werden  (wenn auch nur schwer)  von den Kindern akzeptiert, wenn sie begründet werden und die Begründung für sie nachvollziehbar ist.

Ob man seine Kinder unterschiedlich behandelt, können einem am besten andere sagen, der Partner oder die Partnerin.

Woran erkennen die Kinder, dass ich sie gleich liebe?  Die Kinder sehen das an der gleichen Verteilung von Schmuseeinheiten,  Kritik, Interesse,  Zeit, die ich ihnen widme und dem Bemühen, zuzuhören und sie zu verstehen.

3.       Keine Vergleiche äußern

Eltern vergleichen ihre Kinder ständig. Man sollte diese Vergleiche jedoch nicht laut äußern.  Also nicht: „Schau Dir mal Deinen kleinen Bruder an, der ist schon viel vernünftiger als Du!“

 

4.       Jedem seine Nische für exklusive Aufmerksamkeit!

Jedes Kind braucht seine Nische, in der es allein glänzen kann, ohne Konkurrenz fürchten zu müssen. Solche Nischen sind z.B. Hobbies: die  Musikerin, der Fußballer, die  Malerin, das Schulkind usw.  Wird die Nische vom Geschwister ebenfalls besetzt, kommt es zu Rivalitäten, Konkurrenz und Streit und endet meist damit, dass sich einer aus der Nische zurückzieht.

Nischen können auch Rollen sein wie z.B. das Sorgenkind. Vorsicht ist bei gegensätzlichen Rollen  geboten,  wie z.B. : Die Gute -  der Böse, der Sonnenschein - das schwarze Schaf.

Die Aufgabe der Eltern ist es, den Kindern zu helfen, eine solche Nische zu finden und ihnen damit Gelegenheit zu geben, ein unverwechselbares und anerkanntes Profil zu erlangen, mit dem sie vor den Eltern glänzen können. In dieser Nische erhalten sie die exklusive Aufmerksamkeit, die sie ansonsten mit den Geschwistern teilen müssen.

 

5.       Der Umgang mit Streitereien über Besitz, Rechte, Macht

Das Hausrecht am eigenen Zimmer und die  Verfügungsgewalt über das eigene Spielzeug sollte beim Kind liegen. Das fördert die Bereitschaft und die  Notwendigkeit, sich miteinander zu arrangieren, im Sinne von: Leihst Du mir Dein Spielzeug, leihe ich Dir auch meins.  Gemeinsames Spielzeug  birgt die Gefahr für Auseinandersetzungen über die Verfügungsgewalt. Hier müssen vor der Anschaffung klare Regeln vereinbart werden.

Ältere Kinder brauchen manchmal auch den Schutz vor unternehmungslustigen Kleinkindern.

 

6.       Die Kinder brauchen die Hilfe der Eltern bei der Konfliktregelung.

Die Eltern garantieren  für die Einhaltung der Regeln, bemühen sich um Allparteilichkeit und vermitteln bei Konflikten.

 

 

Bilderbuchempfehlung  für jüngere Kinder:

Astrid Lindgren, Ich will auch Geschwister haben

 

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